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Das Geschäft mit den Großpleiten



Großpleiten sind für die Abwickler von Insolvenzen ein lukratives Geschäft. Doch nur ein kleiner, exklusiver Kreis von Anwälten kommt an die wirklich profitablen Firmenbegräbnisse und kassiert Honorare in Millionenhöhe. Netzwerken gehört zum Business.

Der Baukonzern Alpine und die Drogeriekette Daily sind wegen ihrer Dimensionen die derzeit spektakulärsten Pleiten, aber nur die Spitze des Eisberges. Seit Jahresbeginn wurden schon mehr als 3000 Unternehmen zu Grabe getragen. Wenn die Wirtschaft schwächelt, haben die Masseverwalter Hochsaison.

Insolvenzen sind ein sicheres Geschäft. Die Abwickler, meistens Rechtsanwaltskanzleien, kriegen ihr Geld so gut wie immer. Bei Großpleiten können sich die Gagen der Masseverwalter locker auf einige Millionen Euro summieren. „Beim Konkurs einer kleinen Baufirma ist der Masseverwalter ein armer Hund. Aber die großen Fälle, die sind ordentlich lukrativ“, weiß Steuerberater Günter Doujak.

Die richtig dicken Fische angeln sich freilich nur Wenige. Die Großpleiten teilt sich ein kleiner Zirkel von Anwälten, die regelmäßig von den Insolvenzrichtern beauftragt werden. „Die Bestellungspraxis halte ich für eine Sauerei. Nur weil die sich alle kennen, werden immer dieselben bedient“, empört sich ein renommierter Wiener Anwalt. „Das ist ein Closed Shop, als Außenseiter hat man keine Chance, da jemals hineinzukommen“, ärgert sich ein anderer Advokat. Weshalb in Juristenkreisen ist immer wieder von „Insolvenzmafia“ die Rede ist. Kritiker des gut eingespielten Systems aus Masseverwaltern, Richtern und Gläubigerschützern wollen namentlich lieber nicht genannt werden, sonst könnte es mit Aufträgen für immer aus sein.

Die Honorare sind in der Insolvenzordnung detailliert vorgegeben und errechnen sich, degressiv gestaffelt, in Prozenten des verwerteten Vermögens. So soll der Anwalt Matthias Schmidt, einer der Big Player der Zunft, bei Insolvenz und Sanierung der A-Tec des Selfmade-Industriellen Mirko Kovats bis dato 6,3 Millionen Euro abgerechnet haben. Das Honorar für den Wirtschaftsprüfer Deloitte inkludiert. Im Firmenbuch sind unter Schmidt mehr als 200 abgewickelte Insolvenzen aufgelistet.

Ein feines Geschäft für die Kaiser der Masse dürfte vermutlich auch die Alpine werden, dort werken Stephan Riel und Karl Engelhart. Beide sind langjährige Profis. Riel, der kürzlich auch die Insolvenz des Schwedenbomben-Erzeugers Niemetz abarbeitete, bringt es auf mehr als 400 Masseverwaltungen, Kollege Engelhart hält mit weit über 200 Causen mit.

Bei der Pleite des ehemaligen Bau-Tycoons Alexander Maculan sollen sich knapp drei Millionen Honorar angesammelt haben. Beim Konsum wurden rund sieben Millionen Euro kolportiert.

Hat sich der Masseverwalter besonders aufopfernd abgerackert, kann der Richter ein „Sonderhonorar“ drauflegen. Oder streichen. Das Oberlandesgericht Graz kürzte etwa im Insolvenz-Verfahren der AvW-Gruppe (Auer-Welsbach) die Gage des Masseverwalters von 512.000 Euro um fast ein Drittel.

„Wer eine Großpleite bekommt, hat für sein Leben ausgesorgt. Aber auch bei kleineren Fällen kann man ganz gut verdienen“, ätzt ein Insider. Besonders beliebt seien Anfechtungen von im Vorfeld der Pleite bezahlten Verbindlichkeiten. Holt der Masseverwalter z.B. 100.000 Euro wieder zurück, klingelt seine Kasse mit 16.100 Euro.

„Die Vertrauensbasis zwischen Masseverwalter und Richter ist ganz wichtig. Die Richter wollen Erfolge und kein Risiko eingehen. Also beauftragen sie Kanzleien, mit denen sie gute Erfahrungen gemacht haben. Die meisten Insolvenzen werden ordentlich und korrekt abgewickelt“, verteidigt Hans-Georg Kantner vom Kreditschutzverband von 1870 (KSV) das System. Eines stimmt natürlich. Für Großinsolvenzen braucht es Kanzleien mit entsprechenden Kapazitäten. Weshalb die Favoriten „immer wieder von den Richtern Aufträge bekommen, damit sie diese personellen Kapazitäten vorhalten können“. Manche Konkursrichter vererben ihre sorgsam gehüteten Anwaltslisten an ihre Nachfolger weiter.

Profiteure des Geschäfts mit der Masse sind auch die mächtigen Gläubigerschützer. Sobald eine Pleite bekannt wird, startet das Wettrennen um die Gläubiger. Die meisten lassen sich vertreten. Daher bestimmen die Schutzvereine maßgeblich den Ausgang einer Insolvenz mit – ob der Patient liquidiert, verkauft oder weitergeführt wird. Den Gewinn will man beim Marktführer KSV lieber nicht verraten.

Wer im System bleiben will, muss die Kontakte pflegen. Man trifft einander bei Tagungen im In- und Ausland und ist über Plattformen vernetzt. Auf ReTurn etwa tummeln sich Insolvenzanwälte, Banker und Wirtschaftsprüfer. Auch Sport verbindet. Im FC Insolvenz kickt die Zunft gegen andere Hobby-Mannschaften, einmal wöchentlich wird trainiert. Da rennt Anwalt Schmidt neben Richter Hannes Gumpinger im Mittelfeld, der Chef der Insolvenzabteilung des KSV, Christoph Vavrik, ist in der Abwehr aufgestellt. Für sparsame Mitglieder gibt’s auf der Homepage des FC Insolvenz auch gleich Links zu Quellen für billige Louis-Vuitton-Taschen, Luxus-Schuhmarken und Schätzmeister für Schweizer Nobeluhren.

Weniger erfolgreich war das Frauen-Netzwerk net4success der Insolvenzjuristin Ulla Reisch, das eingestellt wurde. „Das ist bei den Herren nicht so gut angekommen“, bedauert die Anwältin. Sie selbst braucht das Netzwerk wohl nicht mehr. Reisch ist inzwischen in die Top-Liga aufgestiegen und bei der Alpine-Pleite mit an Bord. Übrigens soll es einen Insolvenz-Richter geben, der teure Seminare für die Branche abhält. Mit Aufträgen des Herrn Rat besteht ganz sicher kein Zusammenhang ...

Quelle: "kurier.at", 10.08.2013

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